Veranstaltungs-Ticker

Der Spinnetropp

Von Georg Hoffmann

 

Erinnerungen an die Bührener Spinnstuben

Als man sich an langen Winterabenden zum Arbeiten, Erzählen und Lachen traf

 

Zeitzeugenbericht von Magdalene Helm, Tiestraße 19

Die Erinnerungen von Magdalene Helm wurden in ihrem ursprünglichen Wortlaut übernommen. Rechtschreibung und Ausdruck wurden nicht modernisiert. Ergänzt wurden lediglich Fotos und Zwischenüberschriften.

 

 Magdalene Helm 

 

 

 

TroppTropp im Gasthaus Lösekrug, Tiestraße 1 - Ein Treffpunkt der Bührener Spinnstuben

 

Die langen Winterabende

 

Ja die alten Spinnstuben, bis 1938 kann ich mich noch gut an sie erinnern, an diese Unterhaltungsabende unserer Dorfbewohner, wo sich an den langen Winterabenden alle dran erfreuten.

Fernsehen gab es noch nicht und ein Radio konnten sich nur wenige leisten bis 1935. Da kam das erst in fast alle Familien. So war vorher das Dorfgeschehen immer interessant und kam bei den abendlichen Zusammenkünften schnell in den Umlauf. Da gab es einige, denen man nachsagte: „Die machen die Dorfzeitung“. Manchmal wurde ein Geschehen auch ein bißchen hochgespielt und ungerecht beurteilt. Dann gab es auch mal über Klatsch Ärger und der Schiedsmann im Dorfe bekam was zu hören und zu tun. Aber der mußte schweigen und versuchen, die Sache zu schlichten.

 

Den Tropp antrinken

 

So freuten sich alle auf die Abende, die Mitte oder Ende November anfingen mit einem Umtrunk aus selbstgemachtem Wein. Das nannte man: „ Den Tropp antrinken“. Jeder freute sich, wenn der Wein gut gelungen war und schmeckte. Man merkte, der hatte immer einige Prozente. Die Herbstarbeit, da trachtete jeder danach, sie bis dahin fertig zu kriegen. 

 

In den Tropp gehen

 

Wie lange die Spinnstuben bestehen, ich weiß es nicht, aber bestimmt sind sie schon mehr als 200 Jahre alt. – Man hatte sich gruppiert in Jugend ab 15 Jahre, dann jung verheiratete Ehepaare, Mittelalter und Oma’s und Opa’s. Die gingen nur ab und zu und blieben mit ihren Wehwehchen lieber zu Hause und hüteten Kinder und Oma drehte da lieber ihr Flachsspinnrad. Man konnte damit, bei der spärlichen Beleuchtung im Dorf, auch fallen und kaputt war es. Man nannte diese Zusammenkünfte „In den Tropp gehen“. 

 

Spinnen, Stricken und Karten spielen

 

Da ging es dann schon um 19 Uhr gleich nach dem Abendessen los. Das Spinnrad trug meist Vater. Dabei steckte er sich eine dicke Zigarre an. Diese und frühere Generationen rauchte fast nur Pfeife und Zigarre. Die Stube war immer so verraucht, daß man öfter lüften mußte. Einmal schlugen die Nachbarn Alarm und meinten: „Bei Hildebrand’s, da brennt es“. So ging es wochentags jeden Abend reihum im Kreis zu denen, die sich zusammengefungen hatten. So 12 – 14 Personen war ein Tropp. Es fanden sich so Gleichgesinnte und im arbeitsverhältnis stehende zusammen. Da konnten sie fachsimpeln und sich gute Ratschläge geben. Die Frauen sponnen meist Wolle zu meiner Zeit. Aber wenn die Stube, der Platz dort knapp wurde, dann packten sie das für diesen Fall noch mitgebrachte Strickzeug aus. Müßig saß keine. Dabei wurde erzählt und begutachtet, was jeder fertig gebracht hatte.

Die Männer spielten an einem Extratisch meist Karten. Skat, Doppelkopf oder Schafskopf. Was sie sich dabei alles an den Kopf schmissen: Dou Ssiejelär, dou Dölmer, olle Paijas. Dau hest se woll nich alle upp de Latte und so mehr. Das wurde aber nicht krumm genommen. Das mußte mancher über sich ergehen lassen und nahm es hin.

 

Kaffeezeit um halb zehn

 

Um ½ 10 Uhr gab es Kaffeetafel. Der Kaffee war gut zu vertragen. Malzkaffee mit wie man sagte: „Haste auch ein paar Bohnen am Bindfaden mit durchgezogen“. Dann zum Färben noch einen kleinen Löffel „Pfeiffer und Diller“. Der Kaffee wurde in einem großen Blech-Kaffeekessel aufgeschüttet und durch ein Sieb in eine Porzellankanne gegeben. Davon konnte jeder schlafen ohne Tabletten.

Dazu gab es, wenn gebacken worden war, Hefekuchen und sonst Luffen mit Zwetschgen- oder Birnenmuß oder auch mal Prilleken (Fettkuchen, Berliner) oder Eisenkuchen (Waffeln). 

 

Schabernack und Kuchenklau

 

Es passierte aber auch, daß sich gegenseitig, wenn laut wurde, da ist im anderen Tropp eine Feier (da wurde ja besonders guter Kuchen gebacken), sich pfiffige Männer und Frauen auf den Weg machten und zum Gleichverzehr im Tropp davon was besorgten. Da sind allerlei lustige, gewagte Sachen passiert. Das galt aber als Schabernack. Davon wurde dann hinterher noch oft erzählt und gelacht.

Ich hörte mal, wo sie ein Schiebefenster einer Speisekammer geöffnet hatten, aber nicht durch kamen, eine Heugabel holten und einen Zuckerkuchen damit aus dem Fenster beförderten. Das blieb aber vorerst ein Geheimnis, wer wo was geholt hatte.

 

Schlachtefest, Wein und alte Lieder

 

War Schlachtefest gewesen, dann wurde auch die Wurst probiert und der Wein dazu machte alle lustig und sangesfreudig. Die alten Lieder, man müßte sie noch mal aufschreiben. Meist ist nur noch der 1. Vers da oben im Kopf. Zu anderen Schlachtefesten wurde sich auch mal unkenntlich verkleidet und mit Kiepe und Korb eine Spätmahlzeit herangeschafft. Das gab dann ein Gaudi.

Schade, wer dann nach 22 Uhr, da war meistens immer Gute Nacht und Aufwiedersehn, dann nochmal in den Stall mußte, um noch frisch gekalbte Kühe zu melken. Das fiel oft schwer. Aber weil man dadurch 1 – 2 Liter Milch mehr abgewinnen konnte, mußte das eben noch mal gemacht werden.

 

Der eigene Tropp der Jugend

 

Wir, damals Jugend, hatten auch unseren Tropp. Wochentags und Sonntags, Sonnabend nicht, da sagte man: „Da gehen die Faulen aus“. Jeder Jahrgang schloß sich zusammen und Mädchen, die ins Dorf kamen als Magd, die wurden auch mit übernommen.

 

Neckereien und Streiche

 

Es waren immer so vier Tropp’s im Dorf. Wir Mädchen blieben an Ort und Stelle und die Jung’s wechselten hin und her. Wenn sie uns mal sehr geärgert hatten, dann schlossen wir ihnen auch die Tür zu. Oft zogen sie uns auch die Stricknadeln aus dem Strickstrumpf oder was wir sonst gerade strickten, nahmen Schere und Stickgarn fort und trieben ärgerliche Sachen. Daheim bekam man dann oft ausgeschimpft, weil man, wie gesagt wurde: „Nicht viel beschicket hatte“. Weil wir auch um 22 Uhr zu Hause sein mußten, wurden wir von den Jung’s auch mal eingeschlossen und uns blieb nur noch die Flucht durchs Fenster. Es gab viel Spaß und Frohsinn –und gesungen wurde oft. Lieder von Lieben, Lust und Leid. Pfandspiele wurden gemacht und die abgegebenen Sachen mußten oft mit heiklen Versprechungen eingelöst werden.

 

Liebe, Lust und Leid

 

Wenn wir ganz groß in Stimmung waren, dann wurde das Licht ausgedreht und „Lieben sie mich“ gespielt. Das passierte aber nur mit Küßchen und mal drücken. Wer sich nicht anständig benahm, bekam was auf die Finger, besonders wenn man einen jungen Mann erwischte, dem man nicht so zugetan war.

 

Sauer macht lustig!

 

Die Schlachtefeste wurden auch verkleidet besucht und das Mitbringsel gleich verzehrt. Kaffeetafeln gab es nicht, aber oft wurden vom Kaufmann noch Dosen mit Rollmöpsen oder Bismarckheringen geholt, weil sauer lustig macht! Die spendierten die Jung’s oft doch schweren Herzens von ihren paar Groschen in der Geldtasche.

 

Fremde Liebhaber und rauhe Sitten

 

Wehe, wenn vom Nachbardorf oder sonstwoher jemand dabei sein wollte, ein Liebhaber. Der hatte es nicht so einfach. Oft zog er auch mit einer Tracht Prügel wieder nach Hause. Da herrschten rauhe Sitten. 

 

Ein Ende durch den Krieg

 

Der Krieg hat dann 1939 auch mit diesen Treffen ein Ende gemacht. Aber das hat er gut gemacht, daß wenigstens mal frisches Blut in die Dörfer gekommen ist und kein Fremder Prügel bezog.

 

 

 

 Großmutter 

Großmutter von Magdalene Helm - Eine Generation, die das Leben in den Spinnstuben noch kannte

 

Was vom Sinnetropp geblieben ist

Heute sind die Spinnstuben längst verschwunden. Doch in den Erinnerungen von Magdalene Helm leben die langen Winterabende noch einmal auf – mit gemeinsamer Arbeit, Geschichten, Gesang, Neckereien und viel Lachen.

Ihre Erinnerungen bewahren ein Stück Bührener Dorfleben, das sonst längst vergessen wäre.