Kartoffelroden in den 1950er Jahren
Von Georg Hoffmann
Nach Erzählungen von Hermann Winnemuth.
Wenn Ende September morgens dichter Nebel über den Feldern lag, das Klappern der Pferdehufeisen und das Rattern der eisenbereiften Haspel zu hören waren, wusste jeder im Dorf: Jetzt begann das Kartoffelroden.
Für die Bauern war auch dies eine arbeitsreiche Zeit, in der Jung und Alt gemeinsam auf dem Feld halfen.
Der Haspel – das wichtigste Rodgerät
Durch den Landmaschinenhändler Louis Lösekrug kamen ab etwa 1902 die ersten Haspel nach Bühren.
Der Haspel war ein Schleuderroder, der von kräftigen Kaltblütern gezogen wurde. Die Pferde mussten dabei zügig gehen, damit der Rodemechanismus einwandfrei arbeitete.
Ein Schar hob das Erdreich mit den angehäufelten Kartoffeln an und brach die Erdkrume auf, sodass die Knollen auf das Schar gelangten. Darüber kreisten Zinken, die die Kartoffeln erfassten und auf die freie Fläche des Ackers schleuderten. Dort blieben sie gut sichtbar liegen und konnten anschließend von Hand aufgesammelt werden.
Der Antrieb des Haspels erfolgte über die Drehbewegung der Laufräder. Diese waren mit Eisenstollen versehen, die auf dem lockeren Ackerboden für besseren Halt sorgten und so ein Durchrutschen der Räder verhinderten. Über ein Getriebe wurde die Drehbewegung auf den Schleudermechanismus übertragen.
Am Ende des Sommers stand die Kartoffelernte, oder auch Kartoffelroden, an. Die Kleinbauern hatten etwa 2 Morgen Kartoffeln angebaut.
In der Erntezeit gab es Schulferien, die damals „Kartoffelferien“ genannt wurden, damit die Kinder bei der Feldarbeit mithelfen konnten. Das Kartoffelroden selbst war keine schwere körperliche Arbeit, aber sehr mühsam, insbesondere das Auflesen und Sortieren der Kartoffeln. Dafür wurde jede verfügbare Hand benötigt.
Die meisten Bauern im Dorf hatten, neben den Familienmitgliedern, ihre speziellen Helferinnen und Helfer, meist Frauen, die keine eigene Landwirtschaft hatten und Hausfrauen waren. Als Entlohnung erhielten sie Naturalien wie Getreide, Kartoffeln usw.
Bei der Ernte und dem Transport der Kartoffeln benötigten die Bauern zahlreiche Jutesäcke, die groß genug waren, um einen Zentner (50 kg) aufzunehmen. Diese wurden sorgsam gepflegt, nach Gebrauch gewaschen und gegebenenfalls geflickt.
Vor und während der Erntetage sollte es möglichst nicht geregnet haben, damit die Felder trocken waren und die Kartoffeln nicht mit Erde verschmierten.
Aufbruch zum Feld
Familie Dörhage (Tiestr. 21) auf dem Weg zur Feldarbeit.
Morgens, nach dem Füttern des Viehs, spannte man an. In den 1950er Jahren zogen Pferde den altdeutschen Ackerwagen. Ab den 1960er Jahren ersetzten Traktoren immer mehr die Pferde, und auch Wagen mit Gummirädern (Gummiwagen) kamen auf die Höfe. Auf den Wagen wurden die benötigten Utensilien und Gerätschaften, die Verpflegung sowie die gesamte Helferschar geladen. Der Haspel wurde an den Wagen angehängt, wobei nicht jeder Bauer einen eigenen Haspel hatte. Oft wurde dieser von zwei bis drei Bauern gemeinsam angeschafft und reihum weitergegeben, was eine vorherige Absprache erforderte.
Wenn man auf dem Feld ankam, war es oft so nebelig, dass man nicht von einem Ende zum anderen sehen konnte, und die Hände waren steif vor Kälte.
Einige Tage vor dem Roden mussten bereits einige Kartoffelreihen mit der Gräpe (Mistgabel) von Hand gerodet werden, um ausreichend Platz für die auszuhaspelnden Kartoffeln zu schaffen.
Das Einstellen des Haspels dauerte seine Zeit und erforderte Geduld.
War das Kartoffelkraut sehr lang, mussten die Kinder es vor dem Haspeln herausreißen und zu Haufen sammeln, damit es den Haspel nicht blockierte.
Normalerweise wurden zwei bis drei Reihen hintereinander ausgehaspelt, damit ausreichend Kartoffeln auf der freien Fläche zum Auflesen lagen.
Kartoffeln auflesen
Nun ging es ans Aufsammeln der Kartoffeln. Frauen und Kinder sammelten diese in Drahtkörben, die in einer Reihe nebeneinanderstanden. Dabei reinigten sie die Kartoffeln gleichzeitig mit den Fingern vom groben Schmutz. Bei trockener Erde ging das Aufsammeln recht flott voran.
Je nach Familie oder Dorf gab es unterschiedliche Methoden des Auflesens und Sortierens.
Das spätere Sortieren der Ernte
Beim Auflesen wurden alle Kartoffelgrößen in Drahtkörben gesammelt.
Waren die Wannen voll, wurden diese unsortiert und lose auf den bereitstehenden Wagen gekippt, der am Abend abtransportiert wurde. Das Sortieren erfolgte anschließend in der Scheune, wenn möglich direkt vom Wagen aus, in Einkellerungskartoffeln, Kartoffeln für den Verkauf an Stammkunden, Pflänzer (Pflanzkartoffeln) für das nächste Jahr, sowie Futterkartoffeln (Schweinekartoffeln).
Eine weitere Art die Kartoffeln zu sortieren
Sortieren der Kartoffeln auf dem Feld.
Die aufgesammelten, noch unsortierten Kartoffeln schüttete man zunächst zu Haufen auf das Land. Erst am Nachmittag, nach dem Kaffeetrinken, wurden die Kartoffeln – wie zuvor beschrieben – nach Art und Größe sortiert und in Säcke abgefüllt.
Die andere Methode des Sortierens
Hier wurde bereits beim Auflesen auf dem Feld in große Kartoffeln, Pflänzer und kleine Kartoffeln sortiert. Die Frauen hatten für jede Sorte einen Drahtkorb vor sich. Wenn der Korb einer Sorte voll war, wurde er vom Bauern in einen entsprechend markierten Jutesack gefüllt. Zur Kennzeichnung verwendete man grünes, trockenes oder gar kein Kartoffelkraut. Die Jutesäcke hatten den Vorteil, dass die lose Erde durch das Gewebe fallen konnte. War ein Sack voll, wurde er mit Pressbindfaden zugebunden und mit der entsprechenden Markierung versehen.
War man mit dem Auflesen der Kartoffeln am anderen Ende des Feldes angekommen, haspelte der Bauer wieder die entsprechenden Reihen aus. In der Zwischenzeit gab es eine kleine Erholungspause für den Rücken.
So ging es bis zur Mittagspause weiter.
Mittagspause auf dem Acker
Verdiente Mittagspause.
Zur Mittagspause setzte man sich im Kreis auf die noch leeren Kartoffelsäcke. In der Mitte wurde ein Leinenlaken ausgebreitet, auf das der Inhalt der Kiepe, die die Bäuerin morgens gepackt hatte, verteilt wurde. Das waren Wurstwaren, Käse, Mus, Butter und Brot sowie der Butt mit Kaffee. Jeder erhielt eine Tasse. Die Brote wurden auf Holzbrettchen geschmiert. Die Wurst oder der Käse wurde in fingerdicken Scheiben geschnitten und aus der Hand gegessen. Alle genossen den Geschmack besonders, vermutlich weil man sich die Hände vorher nicht waschen konnte und sie lediglich an der Schürze abwischte. Arbeitshandschuhe gab es damals noch nicht.
Trotz des Kaffeewärmers über dem Butt war der Kaffee meist nur lauwarm und schmeckte nach der anstrengenden Arbeit dennoch besonders gut. Jeder markierte seine Tasse auf individuelle Weise, da sie bei der späteren Kaffeepause erneut verwendet wurde.
So ging die Arbeit bis zum Abend weiter, unterbrochen durch die Kaffeepause.
Abtransport der Kartoffelernte.
Feierabend
Am späten Nachmittag wurde das Roden eingestellt. Die zugebundenen und markierten Säcke standen in Reihen auf dem Feld, um das spätere Aufladen zu erleichtern, denn zu Hause warteten bereits das Füttern des Viehs, das Melken und weitere Hofarbeiten.
Nach dem Abendessen musste der Wagen mit den Kartoffeln entladen werden, damit er am nächsten Tag wieder einsatzbereit war.
Kartoffelfeuer
Für die Kinder war das Kartoffelfeuer das Schönste nach der Ernte.
Wenn das trockene Kartoffelkraut verbrannt wurde, konnte man die beim Roden übersehenen Kartoffeln darin garen – eine Delikatesse!
Fotos:
Thea Winnemuth, Georg Hoffmann, Hermann Winnemuth u. a.